Digitale Edition der Keilschrifttexte aus Haft Tappeh

Aktiv 3D-Messtechnik Spatial Humanities und Digital Heritage
Keilschrifttexte werden transliteriert und digital bereitgestellt Vanessa Liebler für das i3mainz, CC BY SA 4.0

Das Projekt Digitale Edition der Keilschrifttexte aus Haft Tappeh widmet sich der Transliteration und digitalen Bereitstellung von mehr als 600 Keilschrifttexten aus Haft Tappeh (Iran). Ziel des Projektes ist die Erarbeitung und Weiterentwicklung eines digitalen Arbeitsablaufs unter Berücksichtigung vorhandener Werkzeuge, internationaler Standards und computerlinguistischer Auswerteverfahren.

Motivation

Haft Tappeh (das antike Kabnak) liegt im Südwesten Irans in der Provinz Khuzestan, etwa 15 km südöstlich der alten Stadt Susa. Die geografische Lage hat Haft Tappeh zu einem wichtigen Ort der bronzezeitlichen Geschichte und Kultur gemacht. Bis heute wurden in großflächigen Ausgrabungen neben architektonischen Resten eines Palastes mehr als 1400 Textfragmente von Keilschrifttafeln in babylonischer Sprache freigelegt. Die meisten von ihnen sind Verwaltungsurkunden, deren abschließende sprachwissenschaftliche Edition aussteht.

In der ersten Phase des von der DFG geförderten Projekts sollen die 600 bis 650 von Behzad Mofidi-Nasrabadi (JGU) ausgegrabenen Texte digital ediert und maschinenlesbar aufbereitet werden. Die Bearbeitung mit zeitgemäßen Verfahren und die offene Bereitstellung der Ergebnisse soll über den engeren Kreis der Altorientalstik hinaus die Untersuchung von Paläographie, Lexik, Syntax, Tafelformaten, Textkategorien, bürokratischem Protokoll und modus operandi des wichtigen Textcorpus ermöglichen.

 Dafür entwickelt das i3mainz einen digitalen Workflow für Keilschrifttafeln, die bei den vorhandenen 3D-Daten und Photographien der Tafeln ansetzt und über die Transliteration und die computerlinguistische sowie semantische Annotation die Inhalte digital aufbereitet. Hierbei liegt der Fokus nicht auf der Erstellung eines neuen Portals für die Bereitstellung von Keilschriftdaten, sondern auf der Produktion von FAIRen Daten, die in andere bereits bestehende oder im Aufbau befindliche Repositorien integriert werden können. Das Akronym FAIR steht für findable, accessible, interoperable, reusable und verweist auf international akzeptierte Prinzipien für die Bereitstellung von Forschungsdaten. Die entwickelten Werkzeuge werden in einem Git-Repository zur Verfügung gestellt. Dies erleichtert es, die Abläufe in anderen Projekten zu replizieren. Damit werden nicht nur die Daten findbar, zugänglich, interoperabel und nutzbar sondern auch die Software.

Aktivitäten

Nachdem im Jahr 2019 in einem Kickoff Meeting der initiale Workflow der Edition der Keilschrifttafeln mit Gitlab und Seafile Cloudspeicher festgelegt wurde, lag ein Schwerpunkt des Jahres 2020 auf der Erprobung des Workflows und der Aufbereitung erster Daten der digitalen Edition.

Im Frühjahr 2020 schloss Ali Zalaghi die Konsolidierung und die digitale Katalogisierung der bereits im Vorfeld für das Projekt erstellten 3D Scans und Photographien ab. Tim Brandes und Eva Huber fertigten erste Transliterationen einer Vielzahl der Keilschrifttafeltexte an. Sie bilden die Datengrundlage für die Entwicklung des übergeordneten Datenmodells des Haft Tappeh Projektes. Timo Homburg formulierte dieses als Ontologie, die die Bereitstellung der Transliterationen, Bilder und 3D Scans über einen Linked Data Graphen mit SPARQL Endpoint und die Verlinkung von weiteren thematisch verbundenen Ressourcen über das Internet umfasst. Begonnen wurde daneben mit der auf Git basierenden Webplattform des Projekts, der „Cuneiform Workbench“. Sie leistet zukünftig die digitale Unterstützung bei der Edition der Keilschrifttexte, ermöglicht die Bereitstellung der Daten in interoperablen Formaten und vereinfacht ihre Überführung in entsprechende Archivdatenbanken (Repositories).

Eva Huber, Tim Brandes und Timo Homburg reichten erfolgreich einen Antrag auf Förderung eines Workshops für Nachwuchswissenschaftler*innen im Bereich der Computerlinguistik, Digital Humanities und der Keilschriftforschung im Rahmen des von BMBF und der HRK ausgeschriebenen Ideenwettbewerbs “Kleine Fächer: sichtbar innovativ!” ein. Ziel des Workshop “Von analog zu digital: Konzeptionen der Keilschriftforschung im 21. Jahrhundert am Beispiel administrativer Urkunden” ist die Vernetzung dieser Forschungscommunities, um digitale Standards über die Grenzen der Fachbereiche hinaus zu entwickeln. Diesen Prozess will das Haft Tappeh Projekt nicht nur durch den Nachwuchsworkshop, sondern auch durch eine im Projekt vorgesehene wissenschaftliche Fachtagung anstoßen. Für die Unterstützung des Nachwuchsworkshops, aber auch für die bessere Vernetzung der Keilschriftwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler untereinander, wurde eine neues Portal, die Initiative for Digital Cuneiform Studies (IDCS), ins Leben gerufen, welches die Ergebnisse des Workshops begleitet und sammelt.

Mit Hubert Mara, seit Juni 2020 Geschäftsführer des mainzed an der Hochschule Mainz, haben sich zusätzliche Perspektiven im Bezug auf die Auswertung der 3D-Daten ergeben. Das von ihm entwickelte Software-Framework GigaMesh wurde mit einem Workshop im Oktober 2020 in die Arbeiten des Projekts eingeführt. Für das Haft Tappeh Projekt ergeben sich Potentiale im Bereich der automatischen Erkennung von Keilschriftzeichen, deren Annotation und Verknüpfung mit den transliterierten Texten. In einem projektübergreifenden Ansatz wurden hierzu Vorarbeiten an einem Schema für die Erfassung der technischen Metadaten von 3D Scans im Rahmen des Haft Tappeh Projektes integriert und in das Datenmodell übernommen.

Im Jahr 2021 wird das Haft Tappeh Projekt den Dialog mit weiteren Expertinnen und Experten, infrastrukturanbietenden Institutionen und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus dem Bereich der digitalen Textedition suchen, die Weiterentwicklung der Webplattform vorantreiben sowie die Publikation der Projektergebnisse vorbereiten.