Institut für Raumbezogene Informations- und Messtechnik
Hochschule Mainz - University of Applied Sciences

Einsatz von 3D Messtechniken als Grundlage für die Analyse und Sicherung historischer Inschriften im Kontext der Mongolei

Die Türkischen Kaganate sind die ersten Staatenbildungen in der mongolischen Steppe, die durch umfangreichere Schriftzeugnisse ins Licht der Geschichte getreten sind. Die nach Zahl und Inhalt bedeutenden Inschriften sind überwiegend in einem „Runen“-Alphabet geschrieben, dessen sich auch das nachfolgende uigurische Steppenreich bediente. Aus der frühen Zeit gibt es nur ganz vereinzelte Funde in anderen Schriften. In Brāhmī waren es bisher die Stelen von Bugut und Khüis Tolgoi.
Motivation und Ziele: 

Ein interdisziplinäres Team aus Mainz, Istanbul und Paris beschäftigte sich während einer Forschungsreise in die Mongolei (August 2014) mit der Sicherung des Befunds und Dokumentation  der historischen Inschriften, die auf den beiden Steinen aufgebracht sind. Solche Stelen sind auf sogenannten „Kurganen“ (Grabhügel) gefunden worden, die über das gesamte Land verteilt sind und noch viel Forschungspotenzial enthalten. Die Philologen Dr. Dieter Maue und Prof. Dr. Mehmet Ölmez (Yıldız Teknik Üniversitesi Istanbul) haben die Aufgabe übernommen, die Inschriften der Steinsäulen von Khüis Tolgoi (jetzt in Ulan-Bator) und Bugut (jetzt in Tsetserleg) zu analysieren. Dem Verständnis der Texte, die für die Geschichte der Türkischen Kaganate neue Aufschlüsse versprechen, stehen erhebliche Hindernisse im Wege: Die Schrift ist nur teilweise bekannt, die Sprache(n) unidentifiziert.  Zudem sind die Schriftzeichen beschädigt oder stellenweise vollständig zerstört. Voraussetzung für eine Entzifferung ist hinausgehend - die optimale Erfassung des aktuellen Zustands, die mit den herkömmlichen Methoden der Archäologie Rubbings, Abklatsche und Oberflächenfotos nur unzureichend möglich war.

Daher setzen die Philologen auf die Unterstützung des Instituts für raumbezogene Informations- und Messtechnik i3mainz. Es verfügt über weitreichendere Methoden zur Aufnahme alter Inschriften und hat diese bereits in China (Projekt Sutren) angewandt. In dessen Auftrag begleiteten Tobias Reich und Jens Bingenheimer die Forscher in die Mongolei.

Finanziert wurde die Expedition von türkischer Seite aus, in Form der Turkish International Cooperation and Development Agency (TİKA). Neben den am Projekt unmittelbar beteiligten Personen haben der Historiker und Orientalist Étienne de la Vaissière sowie der Sprachwissenschaftler Alexander Vovin (beide Ecole des hautes études en sciences sociales, EHESS, Paris) die Gruppe begleitet und ihre Expertise beigesteuert.

Aktivitäten: 

Bei der Expedition kam der GOM ATOS III Streifenlichtscanner mit einer räumlichen Auflösung von 0,25 mm zum Einsatz, der als Ergebnis dreidimensionale, farblose Modelle der Steinsäulen samt der dort eingemeißelten Inschriften liefert. Des weiteren nahm das Team mittels einer Nikon D800 Spiegelreflexkamera hochauflösende Bilder auf, die der Texturierung der digitalen 3D-Modelle dienten.

Zusätzlich zu dem ursprünglich geplanten Vorhaben fotografierte das Team während des Transfers von Ulan-Bator nach Tsetserleg (ca. 500 km) weitere Steinsäulen (Tonyukuk; Khöshöö Tsaidam Museum) und eine aus mehreren Teilen bestehende Drachenstatue (Fundort in der Nähe der frühuighurischen Hauptstadt Karabalgasun), um mit der Methode Structure From Motion (SFM) ebenfalls 3D-Modelle zu generieren und im Fall der Drachenstatue die Einzelteile virtuell zusammenzusetzten.

 

Im Kontext des Projektes wurde 2015 ein "Spatial Image Analysis and Viewing Tool" entwickelt, dass unterstützend bei Visualisierung, Kartierung und Interpretation der in unterschiedlichster Art und Weise dokumentierten Petroglyphen eingesetzt wird. Das heißt, der Viewer kann im Zusammenhang mit in die Oberfläche vertieften Inschriften oder andersartigen Skizzierungen (bspw. tierische Abbildungen, usw.) Verwendung finden und ermöglicht eine Kombination von Daten unterschiedlichen Ursprungs, wie 2.5D-Modelle der Oberflächenstruktur, klassische Rubbings & Abklatsche sowie geometrisch entzerrtes Bildmaterial jeglicher Art (bspw. historische Photos aus älteren Dokumentationen). Die 2.5D-Modelle der Steinoberflächen sind im Anwendungsfall des zuvor beschriebenen Mongoleiprojektes anhand der dort hochpräzise erfassten flächenhaften 3D-Messungen mittels Streifenprojektionstechnik abgeleitet worden. Dabei sind sie Grundlage für verschiedene interaktive Funktionalitäten des SIVT, wie die Möglichkeit zur Änderung des Lichteinfalls, unterschiedliche Höhenvisualisierungen und Waterfilling-Darstellungen die in Kombination mit historischen bzw. aktuellen Bildern, sowie einer bereitgestellten Layer-Struktur bei der Interpretation unterstützend eingesetzt werden. Des Weiteren bietet das Tool eine Kartierungsfunktion, mit dessen Hilfe unterschiedliche Zeichen samt dazugehörigen Metadaten (Autor, Beschreibung, Hypothese, Datum, usw.) in verschiedene Vektor-Layer gespeichert werden können und bei anschließender Diskussion verschiedener Thesen als Begründung dienen.

Für das Jahr 2016 ist eine weitere Kampagne in der Mongolei seitens des türkischen Kooperationspartners anvisiert, welche eventuelle Weiterentwicklungen in Sachen Datenbankanbindung oder Automatisierungsalgorithmen zur Suche identischer Zeichen erlauben könnte.

Ergebnisse: 

Auch wenn die Entzifferung und Übersetzung der Glyphen noch andauert, stehen mit Hilfe des SIVT unterschiedliche Visualisierungs- und Analysewerkzeuge zur Verfügung, mit denen die Sammlung an Daten zu den einzelnen Stelen (3D/2.5D-Modelle, Photos, Rubbings) kombiniert verwendet werden können. Dabei resultieren unterschiedliche Visualisierungsvarianten pro Schriftzeichen, die die Basis der Kartierung und Interpretation darstellen und im weiteren Verlauf für eine Diskussion der Interpretationen zwischen den beteiligten Philologen dienen.

Eckdaten

Zeitraum:     01.08.2014 - 31.03.2015
  • – Prof. Dr. Mehmet Ölmez
  • – Dr. Dieter Maue
  • – Jens Bingenheimer B. Sc.
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